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Kacunko, Slavko: Österreich. Wirklichkeitskonstruktionen, Datenerfassung und Telekommunikation. Weibel, Kriesche, Adrian, Mark, Tanterl, Ruprechter, Schnell


Von Slavko Kacunko

Ruth Schnell (geb. 1956) gehört zur nächsten Generation der österreichischen Medienkünstlerinnen, die insbesondere seit Anfang der neunziger Jahre eine extensive Produktions- und Ausstellungsaktivität nachweisen kann. Die für sie wichtige Phänomenologie der visuellen Wahrnehmung und ihr Abhängigkeitsverhältnis zu den Realitätskonstruktionen stehen in der Tradition der frühen künstlerischen Experimente von Peter Weibel und entwickeln sich zugleich über ihre inszenatorischen und raumgreifenden Eigenschaften zu den „Immersionsenvironments“ mit „verschiebbaren“ Zeit- und Raumebenen.

Die CC-Videoinstallation „Tür“ von 1988 stellt eines der frühen Beispiele dar: Der Besucher steht einem Portal von ca. 5 m Breite und 3 m Höhe gegenüber und sieht darin die Videoprojektion einer Fassade mit Fenster und Tür, zu der ein Laufsteg führt. Wird dieser betreten, öffnet sich die computeranimierte Tür und gibt den Blick frei auf die Außenwelt, die von einer CC-Videokamera übertragen wird.

Die auf der Ars Electronica in Linz gezeigte CC-Videoinstallation „Tür für Huxley“ (1989) übernahm die Türmetaphorik in einer komplexeren Zusammensetzung mit zunächst drei Türen, zwei Videoprojektionen und einer realen Tür. Die linke projizierte Tür war bereits halb geöffnet und der Betrachter sah in ihr Szenen mit Treppen und Türen aus Filmen von Alfred

Hitchcock und Robert Siodmac. Trat der Besucher in den Sensorenbereich, so öffnete sich die mittlere Tür. Darin sah er sein eigenes Abbild aus der Perspektive einer Person, die hinter ihm steht. Versuchte nun der Betrachter sich seiner Projektion zu nähern, entfernte sich diese und verschwand im Scheinraum oder die Tür schloss sich und ließ sein Videobild verschwinden. Vor der letzten, realen Tür lag ein Bild der amerikanischen surrealistischen

Malerin Dorothea Tanning. Zu sehen waren ebenfalls Treppen und Türen, deren Bilder von einer Schwarz-Weiß-Kamera auf einen Monitor hinter dem Schlüsselloch übertragen wurden.

Ruth Schnell realisierte Anfang der neunziger Jahre auch öffentliche und ortsspezifische, rechnergestützte CC-Videoinstallationen („The Space Between 2“, 1991, mit Gudrun Bielz) und demonstrierte auch das für die Künstlerin bedeutsame Verhältnis des menschlichen Körpers zur Architektur mit Hilfe der Computergrafik („Body Scanned Architecture“, 1995) (vgl. Materialteil/DVD). Zum Ende der achtziger Jahre kann in Bezug auf die Situation in Österreich bereits von einer langen individuellen, kollektiven und auch institutionellen Tradition der Medienkunst gesprochen werden.

Publiziert in: Slavko Kacunko: Closed Circuit Videoinstallationen. Ein Leitfaden zur Geschichte und Theorie der Medienkunst mit Bausteinen eines Künstlerlexikons, Logos Berlin, Berlin 2004